xmas – eine kleine Geschichte

Den Leserinnen und Lesern dieses kleinen Blogs möchte ich ein schönes Weihnachtsfest und einen guten Start ins Jahr 2017 wünschen. Zum Verkürzen der Zeit bis das Christkind kommt, hier eine kleine, schon etwas ältere Geschichte:

xmas

„Und, was hat Dir der Weihnachtsmann gebracht?“ Oh, wie er diese Kantinengespräche hasste. Dieses feiertagsgeschwängerte „Mein Auto, meine Villa, meine Yacht“, bei dem die Frage nur dazu diente, entweder mit den eigenen Präsenten zu protzen oder damit anzugeben, was man seiner Liebsten Teures unter dem Christbaum gelegt hatte.

„Oder war es eher ein Christkind, in roten Strapsen?“ Unterdrücktes Glucksen am Tisch. Was wäre jetzt wohl los, wenn er sagen würde, dass der einzige, der bei ihnen rote Strapse und rote Netzstrümpfe trägt, er selbst ist. Vermutlich würde der fette Meier da drüben an seinem Schnitzelstück ersticken. Und die anderen? Denen würde es vermutlich erstmal die Sprache verschlagen. Und dann hätten sie das ganze nächste Jahr ein Thema, um sich die Mäuler zu zerreißen.

Er hätte nicht übel Lust, es einmal auszuprobieren. Aber, was soll’s, das wäre dann doch irgendwie dumm, sich provozieren zu lassen. Würde er lieber mitspielen. „Mein Christkind trägt nur schwarz“, sagte er deshalb betont desinteressiert, während er ein Stück Fleisch auf seine Gabel aufspießte. „Aber Strapse, ja, das passt.“

Das Lachen war jetzt dumpfer. Männersolidarität, dachte er. Ekelhaft. Man musste nur so über seine Frau oder seine Partnerin sprechen, schon gehörte man dazu. Wenn er jetzt nicht auf die erste Frage antworten würde, dann würde sich das Gespräch nur noch um das „geile Christkind“ drehen, ob er es gefickt hätte oder es ihm einen geblasen. Darauf hatte er nun wirklich keine Lust.

„Eine Bohrmaschine“, sagte er deshalb schnell. Oh je, oh je. Was für eine blöde Idee. Eine Bohrmaschine? Wie kam er nur darauf, so etwas Dummes zu erfinden.

Jetzt war das Lachen wieder ein Prusten. „Wie originell“, murmelte jemand. „Und, hast Du ihr einen Mixer gekauft?“ Wieder lachen. „Ich denke, Du bist beim Heimwerken so ungeschickt?“, fragte jetzt jemand. Er hatte sich da reinmanövriert, jetzt musste er da durch. „Vielleicht deshalb“, murmelte er und kaute weiter. „Damit ich übe.“

Das Sprachgewirr ließ er an sich vorbeiplätschern. Die guten Ratschläge. Die Zoten, was man mit einer Bohrmaschine noch machen könnte. Irgendwer schlug vor, man könne das Geschenk ja umtauschen.

Umtauschen! Was für eine schwachsinnige Idee. Jetzt musste er grinsen. Er stellte sich vor, wie er in den Laden gehen würde und sagen, dass er mit dem Geschenk nicht zufrieden sei. Und dass er… was eigentlich? Geld zurückhaben wolle? Das Produkt noch einmal in besserer Qualität erhalten? Eine reizvolle Idee.

Er nahm wahr, dass das Gespräch sich von seinem Geschenk entfernte. Zu langweilig. Jetzt ging es um die Reizwäsche, die der Bärtige aus der Buchhaltung seiner Frau gekauft haben wollte. Gut so. Er war jetzt wirklich zu abgelenkt.

Vielleicht sollte er erstmal ihr zu Hause erklären, dass er mit ihrem Geschenk nicht zufrieden gewesen sei. Er spürte, wie es eng wurde in seiner Hose. Er konnte sich vorstellen, wie sie die Augenbraue heben würde und ihn ansehen. Dieser Blick, bei dem es ihm heiß und kalt zugleich wurde. Es wurde jetzt ziemlich eng in seiner Hose. Er musste hier weg.

Er stand auf und nahm sein Tablett. „Sorry, muss los, hab‘ noch ein Telefonat“, murmelte er. Keiner nahm groß Notiz von ihm, es ging gerade um die Vor- und Nachteile von Vibratoren für die Angetraute unterm Weihnachtsbaum. Schnell ging er die paar Schritte zur Tablettrückgabe und eilte durch die große Glastür raus aus der Kantine. Zum Glück war die Herrentoilette sofort links.

Alles frei. Er wählte die erste Kabine und ließ die Hose runter. Sein harter Schwanz drückte sich ihm förmlich entgegen. Hektisch begann er, mit seiner rechten Hand auf und ab zu rutschen. Vielleicht sollte er ihr eine Mail schreiben und von dem Gespräch und seinen Überlegungen eines Umtausches berichten? Was würde sie darauf wohl antworten? Bestimmt etwas, was sein Glied noch mehr in Wallung versetzen würde. Und schon allein der Gedanke daran ließ ihn den Druck kaum mehr aushalten.

Er ließ sich auf den Toilettendeckel fallen. Der Schmerz durchzuckte ihn kurz, aber heftig. Er dachte an die roten Striemen, die seinen Po zerfurchten. Fünfhundert. Fünfhundert Schläge. Mit der Gerte, der Lederpatsche, dem Rohrstock. Es war ein langer Abend gewesen. Ein sehr schöner Weihnachtsabend. Und das vielleicht bisher schönste Geschenk seines Lebens.

Er stöhnte auf, als es soweit war. Er würde ihr alles genau erzählen. Es würde sie sicher amüsieren.

Er dachte an seine Kollegen und ihre Weihnachtsgeschichten. Sie konnten ihm leid tun.

Seine Neue Welt: 6. Kapitel

Der Wetterbericht hatte eine bewölkte Nacht mit vereinzelten Schauern angekündigt. Ausnahmsweise hatten die Meteorologen einmal Recht behalten. Die Straßenlaternen warfen nur ein fahles Licht auf den großen Platz, der zu dieser späten Stunde völlig verlassen da lag. Auf den Straßen fuhr nur hin und wieder ein einsames Taxi vorbei. Ein zufälliger Spaziergänger, der vielleicht noch mit seinem Hund eine Runde um den Block gedreht hätte, hätte die einzelne Gestalt kaum bemerkt.

Eng an die Hauswände gedrückt huschte der dunkle Schatten auf das majestätische Gebäude zu. Rechts neben der großen Eingangstür erstreckte sich eine vielleicht fünf Meter hohe, graue Betonwand. Auf ihr waren schwarze, fast mannshohe Buchstaben aus Metall befestigt die ein einziges Wort bildeten: „Frauenmacht.“ Ein Schriftzug, der zusammen mit dem Gebäude in den vergangenen Wochen häufiger im Fernsehen zu sehen gewesen war. Die Parteizentrale der „Demokratischen Frauenmacht“ war eine wichtige Adresse, seitdem die Partei die Bundeskanzlerin stellte. Die Gestalt, die schwarze Hosen und eine schwarze Jacke mit Kapuze trug, war nun an ihrem Ziel angekommen. Sie stand direkt unter dem großen „T“ und wühlte in einem kleinen Rucksack, den sie gerade abgenommen hatte. Die Stille wurde durch ein leises Zischen gestört.

Für die Person, die da einsam an der Wand Buchstabe um Buchstabe an den Beton aufsprühte, klang es so laut wie das Pfeifen einer Dampflokomotive. Doch das lag vor allem an der Nervosität, denn niemand, der in einigen Metern Entfernung vorbei gegangen wäre, hätte das Geräusch noch wahrgenommen.

Wäre die Gestalt nicht gerade dabei gewesen, in dem Rucksack nach einer weiteren Spraydose zu wühlen, hätte sie die beiden uniformierten Frauen wohl rechtzeitig gesehen, die gerade um die Straßenecke bogen um auf dem Platz vor der Parteizentrale nach dem Rechten zu sehen. So bemerkte der einsame Sprayer sie jedoch erst, als der Strahl ihrer Taschenlampe auf ihn fiel. Erschrocken drehte er sich um und sah direkt in den hellen Lichtschein. Noch bevor der Ruf „Polizei, stehen bleiben“ verklungen war, geschah dreierlei. Erstens fiel die leere Spraydose mit einem lauten Scheppern auf den Boden. Zweitens blinzelte der ertappte Täter mit den Augen, weil er durch den hellen Lichtschein geblendet war. Und drittens drehte er sich auf dem Absatz um und begann zu rennen.

Hinter sich hörte die vermummte Person einen weiteren Ruf: „Stopp! Sofort Stopp!“ Doch sie dachte gar nicht daran, stehen zu bleiben, sondern versuchte noch etwas schneller zu laufen. Hinter sich hörte sie nun ebenfalls das Klacken von schnellen Schritten auf dem Asphalt. Doch der Flüchtende hatte einen leichten Vorsprung gehabt und außerdem war er deutlich schneller als seine Verfolgerinnen. Als er von der Hauptstraße in die erste Seitenstraße abbog, hatte er schon einem komfortablen Abstand herausgelaufen. Er nahm eine weitere Abzweigung – dann sah er die offene Hoftür. Die vermummte Gestalt hastete in den Hauseingang und schloss leise die große Tür. Schwer amtend lehnte sie sich mit dem Rücken von innen dagegen.

Hoffentlich funktionierte der Trick, hoffentlich hatten sie nichts gesehen. Sie hörte Schritte, die näher kamen. Immer näher. Sie hörte den schweren Atem zweier Personen. Und dann entfernten sich die Schritte wieder. In der Ferne waren Sirenen zu hören. Die Gestalt sah sich in den Hof um. Es war eine einzige leere, betonierte Fläche, auf der einige wenige Fahrräder und ein paar Mülltonnen herumstanden. An der einen Seite führte eine Treppe nach unten, offenbar zum Kellereingang. Vorsichtig, nach allen Seiten schauend, schlich sie über den Hof dorthin. Wenn nur die Tür offen wäre… Die Sirenen auf der Straße wurden lauter. Die Hand berührte die Klinke und drückte sie langsam nach unten. Die Tür gab nach. Sofort huschte der dunkle Schatten nach innen, dann schloss sich der Kellerzugang wieder.

An der Mauer, auf der mit großen Buchstaben „Frauenmacht“ stand, war inzwischen die Hölle los. Einsatzfahrzeuge der Polizei parkten auf dem Platz, Scheinwerfer wurden aufgebaut. Polizistinnen in weißen Schutzanzügen gingen vorsichtig herum und malten mit farbiger Kreide Kreise um vermeintliche Spuren, die andere Beamtinnen dann fotografierten. Die ersten Nachrichtenteams waren angekommen und bauten ihre Kameras auf. Auf der Mauer stand nun, neben der Originalinschrift, mit blauer Farbe gesprüht: „die Beine breit. Wir kriegen euch alle. Radikaler Männerwidersta.“ Der letzte Buchstabe war heller als die anderen und am Ende des „a“s fehlte ein Strich. Offenbar war hier die Farbe ausgegangen.

Seine Neue Welt: 5. Kapitel

Die Dame meines Herzens hat bemängelt, dass schon lange keine Fortsetzung der Geschichte mehr gepostet hat. Das stimmt. Deshalb geht es jetzt weiter.

„Magdalena Mayrschmidt ist die neue Kanzlerin
Bundestag stimmt mit großer Mehrheit zu“ (Tagesanzeiger, 19. April)

„Die Kassen sind leer – Regierungskoalition geißelt verschwenderische Finanzpolitik der Vorgängerregierung“ (Abendblatt, 21. April)

„Keine Waffen für Männer. Die umstrittenen Berufsverbote für Männer bei Polizei und Militär sollen bereits am 1. Mai in Kraft treten.“ (Tagesanzeiger, 23. April)

„Bundestag beschließt Haushaltssicherungsgesetz. Aufgrund der angespannten Finanzlage hat der Bundestag mit großer Mehrheit ein Gesetz beschlossen, nach dem die Konten aller männlichen Einwohner vorerst eingefroren werden. Die Guthaben können auf das Konto einer weiblichen Einwohnerin übertragen werden, dazu gibt es in allen Geldinstituten entsprechende Vordrucke. Der Staat erhebt eine ‚Wiedergutmachungsabgabe’ in Höhe von 20 Prozent der Sparsumme.“ (Abendblatt, 25. April)

„Mit ihrem neuen Gesetz zeigt diese Regierung ihr wahres Gesicht. Unter dem Deckmantel von Schlagwörtern wie Befreiung der Frau und gerechter Gesellschaft werden wichtige Freiheitsrechte jeder entwickelten Demokratie untergraben. Der schamlose Griff in den Geldbeutel aller hart arbeitenden Männer dieses Landes ist da nur der deutlichste Beleg.“ (Tagesanzeiger, 26. April)

„Papst: Die Unterdrückung des Mannes ist gegen den Willen Gottes.“ (Abendblatt, 26. April)

„Großrazzia – Wegen des Verdachts auf Steuervergehen, Geldwäsche und Bestechung wurden heute die Verlags- und Redaktionsräume des ‚Tagesanzeigers’ durchsucht. Die Behörden stellten umfangreiches Beweismaterial sicher und nahmen mehrere Verantwortliche vorübergehend fest.“ (Neue Frau, 28. April)

„Nach Angaben von Regierungskreisen wird an das Verbot der katholischen Kirche geprüft, Grundlage seien die Gesetze gegen verbrecherische Organisationen. ‚Ein System, das Frauen seit Jahrtausenden unterdrückt, kann für unser Land nicht gut sein’, heißt es in den Kreisen.“ (Neue Frau, 28. April)

„Regierung hat Gesetzt zur Beschlagnahmung des Besitzes der katholischen Kirche in der Schublade.“ (Neue Frau, 29. April)

„Vatikansprecher: Papst hat keine spezielle Regierung und kein spezielles Land gemeint. Die Kirche mischt sich in Tagespolitik nicht ein.“ (Neue Frau, 30. April)

„Regierungskoalition beschließt fünfjährigen Gesellschaftsdienst für alle männlichen Einwohner zwischen 17 und 35 Jahre.“ (Neue Frau, 3. Mai)

„Die Ehe ist Vergangenheit. Bundestag stimmt mit großer Mehrheit dem neuen Partnerschaftsgesetz zu. Künftig können Frauen amtlich erklären, dass sie mit einem Mann zusammenleben wollen. Anders als bisher können sie diese Verbindung aber jederzeit und ohne Begründung wieder aufheben. Wie der gemeinsame Besitz in diesem Fall aufgeteilt wird, darüber entscheidet dann alleine die Frau.“ (Neue Frau, 5. Mai)

Seine Neue Welt: 4. Kapitel

„Du, Meike…“ Susanne zögerte. Sie war zusammen mit Meike vor einigen Minuten von der Wahlparty aufgebrochen um nach Hause zu gehen. Es war früher Morgen und die ersten Strahlen der Sonne suchten sich ihren Weg durch die Häuserschluchten. Franziska und Karin, die anderen beiden Mitbewohnerinnen der Frauen-WG waren noch geblieben. Das letzte was Susanne und Meike von ihnen gesehen hatten war, dass sie in einer größeren Gruppe Frauen auf der Bühne standen und „Ein Tag, so wunderschön wie heute“ sangen. Ziemlich schräg, was auch am ausufernden Alkoholkonsum gelegen haben dürfte. Aber auch Susanne fühlte sich nicht mehr ganz nüchtern. „Hmmmm“, antwortete Meike, ebenfalls eher müde als wirklich interessiert. „Meinst du, dass das alles richtig ist?“ Jetzt war es draußen. Susanne hatte schon den ganzen Abend seit der Rede ihrer Parteivorsitzenden überlegt, ob sie so eine Diskussion anfangen konnte – ausgerechnet an diesem Tag, dem Tag des Sieges. Sie wollte keiner ihrer Freundinnen den Abend verderben und schon gar keinen Streit anzetteln. Aber hier, auf der Straße, auf dem Weg nach Hause, da war das doch eher ein privates Gespräch unter Freundinnen, keine politische Grundsatzdebatte. Fand Susanne zumindest. „Wie meinst du das, richtig?“, fragte Meike, jetzt wacher. „Naja, du weißt schon, was ich meine. Was wir so vorhaben, das Programm. Die Berufsverbote für Männer, den Gesellschaftsdienst für Jungen, die Aufhebung der Familie…“

Meike unterbrach sie. „Sanne, manchmal frag’ ich mich, ob du nicht zu gut bist, für diese Welt. Klar sind solche Berufsverbote keine schöne Sache, wir sind schließlich Demokratinnen. Aber es ist der einzige Weg, um die Arbeitslosigkeit zu senken und unseren Schwestern wieder einen Einstieg ins Berufsleben zu ermöglichen.“ Sie sah Susanne fest an. „Schau mal, wie viele Jahrhunderte haben die Männer uns Frauen das Arbeiten, die Selbstverwirklichung, verboten? Wir wollen das ja nicht für immer machen, sondern nur für eine Übergangszeit.“ „Aber…“ Meike ließ Susanne gar nicht erst ausreden. „Und was den fünfjährigen Gesellschaftsdienst für junge Männer angeht. Es gibt so viele Arbeitslose, die gerne etwas Nützliches für die Gesellschaft tun würden. Und es gibt so viele wichtige Aufgaben, die sich der Staat nicht mehr leisten kann. Schau dir doch mal hier die Straße an, total versifft, weil die Stadt sich die privatisierten Reinigungsdienste nicht mehr leisten kann. Es ist doch verrückt, Arbeitskraft brach liegen zu lassen und gleichzeitig wichtige Arbeit nicht zu machen. Und überhaupt, wer hat denn in der Vergangenheit die sozialen Dienste verrichtet, wer hat denn die Kinder bekommen und dafür auf so viel anderes verzichtet? Es ist Zeit, mit der Rückzahlung dieser Schuld zu beginnen.“

Es klang alles so logisch, fand Susanne. Und Meike konnte wirklich toll reden. Aber irgendwie hatte sie so ein komisches Gefühl in der Magengegend, wie früher, wenn sie als Kind wusste, dass sie etwas angestellt hatte und nun darauf wartete, dass es jemand herausfand. Quatsch, dachte Susanne, das ist der Alkohol. „Und was die Familie angeht“, fuhr Meike fort, „die ist seit Jahrzehnten der Hort aller Gewalt gegen Frauen. Das belegt dir jede Statistik. Wenn wir wirklich etwas gegen Missbrauch, Vergewaltigung und Unterdrückung der Frauen tun wollen, dann müssen wir diesen Schutzraum für gewalttätige Männer knacken. Wir wollen ja nicht die Partnerschaft abschaffen“, Meike lachte, „wir wollen doch nur die Regeln ändern: Die Frau akzeptiert den Mann bei sich, aber er hat keinerlei rechtliche Ansprüche auf Wohnung, Besitz, Vermögen. Wie heißt es so treffend in unserem Programm: Ein abhängiger Mann ist ein friedlicher Mann. Ein friedlicher Mann ist ein guter Mann.“

Sie gingen ein paar Schritte schweigend nebeneinander her. „Obwohl wir von mir aus die ganze Bagage auch ins tiefste Verlies schmeißen könnten.“ Meike lachte. „Oh nein.“ Susanne stöhnte gespielt auf. „Nicht schon wieder die Leier, Meike. Es ist ja schön, dass du auf Frauen stehst, aber lass doch bitte uns unseren Spaß.“ „Ich bin eben eifersüchtig“, sagte Meike mit ebenso gespielter Empörung und drückte Susanne einen schnellen Schmatz auf die rechte Wange, „mein Liebling.“ „Komm, lass das.“ Susanne war jetzt ernst. „Das hatten wir doch schon. Ich mag dich als Freundin und es war einmal eine interessante Erfahrung, aber ich steh’ eben nicht drauf, sorry.“ Ihre Schritte hallten durch die leere Straße, keine sagte ein Wort. „Tut mir leid“, sagte Meike dann. „Mir auch“, antwortete Susanne. Und dann war wieder Schweigen.

Seine Neue Welt – kurze Erklärung

So, jetzt geht es auch weiter mit der Geschichte „Seine Neue Welt“. Die ist ziemlich lang, aber sie hat noch kein richtiges Ende. Und sie ist schon ziemlich alt, ich habe sie irgendwann 2003 mal angefangen und so seit 2005 nichts mehr daran geschrieben.

Insofern bin ich nicht so richtig zufrieden und würde vieles so nicht mehr aufbauen und konstruieren. Vielleicht überarbeite ich sie ja mal – die Grundidee finde ich immer noch spannend.

Ich freue mich auf jeden Fall auf Anmerkungen und gerne auch (konstruktive ;-)) Kritik in den Kommentaren.

Seine Neue Welt: 3. Kapitel

„Naja, und dann haben sie mich nackt ausgezogen, ich musste ihnen allen die Schuhe lecken und sie haben mich mit dem Zweig ordentlich verprügelt.“ Sven hatte beschlossen die Kurzfassung der Ereignisse zu erzählen. Er saß in Tobis Wohnung, vor sich eine Flasche Bier, und die anderen am Tisch hörten ihm aufmerksam zu. Er hatte nicht erzählt, dass er einen steifen Schwanz bekommen hatte, als ihn die Mädchen-Gang so demütigte. Er hatte nicht erzählt, dass sie ihn gezwungen hatten, sich selbst zu befriedigen und dann sein Sperma vom Boden wieder aufzulecken. Er hatte nicht erzählt, dass sie danach seine Taschen durchwühlt und sein Geld geklaut hatten. Und er hatte nicht erzählt, dass die Anführerin, Silvie, nach einem Blick auf seinen Ausweis gesagt hatte: „Nun, Sven, ich denke, wir sehen uns wieder. Wir wissen ja jetzt, wo du wohnst.“

„Also, ich an deiner Stelle würde zur Polizei gehen“, sagte Frank mitten in Svens Gedanken hinein. „Das ist doch nicht legal, was die machen.“ „Polizei, pah!“ Klaus spuckte die Worte förmlich aus. „Seitdem da in den oberen Etagen die Frauen das Sagen haben, lachen die dich doch bei so einer Anzeige aus. ‚Sie werden die Mädchen schon provoziert haben’, heißt es dann. Oder ‚sie als starker Mann gegen ein paar Mädchen, na, das wird ja nicht so ganz unfreiwillig gewesen sein’.“ Markus pflichtete sofort bei: „Habt ihr euch denn mal das Wahlergebnis angeschaut, heute Abend? Ich meine, mal ehrlich, was da auf uns zukommt, das hast du wohl noch gar nicht kapiert, Frank.“ „Jetzt übertreib doch nicht“, blaffte Frank zurück. „Mag sein, dass sich manche Sachen ändern, aber wir leben in einem Rechtstaat, und da gelten die Gesetze.“ Sven räusperte sich. Es war ihm etwas unangenehm, dass er diese heftige Debatte ausgelöst hatte. „Also ich finde auch, man sollte das nicht dramatisieren. Vieles von dem, was im Wahlprogramm der Frauenmacht steht, ist doch richtig. Männer sind schuld an den Krisen dieser Welt, sind schuld an Hunger und Krieg. Vielleicht ist es Zeit, dass sich da etwas ändert.“ Sven war selbst etwas erstaunt über sich und sein Plädoyer. „Und was heute Abend betrifft“, fuhr er dann fort, „es ist ja schließlich nichts passiert. Oder zumindest nicht viel.“, sagte er dann und nahm einen tiefen Zug aus der Bierflasche.

„Ihr werdet euch noch wundern.“ Tobi sprach ganz leise. „Das sind doch nicht nur ein paar Frauen, die plötzlich die Mehrheit überzeugen. Meint ihr, das Ganze könnte so ablaufen, wenn nicht im Hintergrund ein paar mächtige Männer mitmachen würden. Politiker, Wirtschaftsbosse?“ Die anderen schauten ihn fragend, aber neugierig an. „Meint ihr, das Militär würde sich so mir nichts dir nichts entmachten lassen? Die Männer aus der Polizei drängen? Wenn nicht ganz, ganz oben jemand grünes Licht gegeben hätte?“ „Aber was hätten die denn davon?“, fragte Markus zweifelnd. „Keine Ahnung.“ Tobi zuckte mit den Schultern. „Wahrscheinlich geht es um Geld. Es geht doch immer um Geld. Oder sie sind ganz froh, dass sie die Verantwortung für diesen maroden Staat an jemand anderen übergeben und sich aus dem Staub machen können. Was weiß ich.“ Er ließ seinen Blick über die Freunde am Tisch schweifen. „Ich denke auf jeden Fall, die meisten haben noch gar nicht verstanden, was hier passiert. Und deshalb gehe ich auch weg.“ Die anderen schauten ihn jetzt nachdenklich an. Schließlich waren sie heute Abend hergekommen, um so etwas wie Abschied zu feiern. Wobei „feiern“ das falsche Wort war, besonders lustig fand das niemand. Aber Tobi hatte beschlossen, sein Studium nicht hier zu Ende zu bringen, sondern nach London zu gehen. „Ach komm, Tobi“, sagte Sven, der sich irgendwie persönlich angegriffen fühlte. „Ich finde es okay, dass du ins Ausland gehst. Würde ich selbst ja gerne, wenn ich die Noten dafür hätte. Aber was du für ein Schreckgespenst an die Wand malst…“ Tobi blickte ihn scharf an. „Schreckgespenst? Nun, für normale Leute ist das ein Schrecken. Für Leute wie dich, die sich sowieso gerne von ihren Freundinnen durchprügeln lassen, wird es wahrscheinlich das Paradies werden.“ Die letzten Worte spuckte er Sven förmlich vor die Füße.

„Du bist betrunken, Tobi“, versuchte Frank zu schlichten. Und zu Sven sagte er: „Er meint es nicht so.“ „Natürlich meine ich es so“, herrschte ihn Tobi an. „Leute wie du, Sven, solche Weicheier, ihr seid doch schuld daran, dass die Frauen glauben, sie könnten mit uns machen, was sie wollen. Dass sie dich in den Dreck werfen und durchprügeln. Meinst du, das hätten sich die Männer vor hundert Jahren gefallen lassen? Da wären die Rädelsführerinnen aufgeknüpft worden – und Ruhe.“ Sven starrte ihn entgeistert an. „Tolle Lösung“, flüsterte er. „Aber ich weiß wirklich nicht, was mein Sexualleben mit dieser Debatte zu tun hat.“ Er stellte sein Bier mit etwas zu viel Schwung auf den Tisch, der Gerstensaft spritzte nach oben. „Ich habe auf jeden Fall keinen Bock auf solche Lynchgedanken.“ Er stand auf und griff seine Jacke. „Jetzt beruhigt euch doch wieder.“ Doch Markus’ Einwurf erreichte niemanden mehr. „Ja, geh doch, vielleicht warten draußen noch ein paar Frauen, die sich von dir ihre Füße küssen lassen wollen“, höhnte Tobi. „Arschloch“, brüllte Sven. Und bevor sein Wutausbruch verhallt war, fiel bereits die Tür hinter ihm ins Schloss.

Seine Neue Welt: 2. Kapitel

„Auf den Sieg, Mädels!“ Meikes Trinkspruch war in dem Lärm kaum zu verstehen. Überall in dem großen Saal des noblen Hotels standen Grüppchen von Menschen zusammen, lachten, scherzten, tranken. Auf der Bühne war eine Band dabei, ordentlich einzuheizen. Eine ganz normale Party – außer das mit Ausnahme einiger livrierter Kellner, die für Getränkenachschub sorgten, keine Männer in dem Raum waren. Das war eher ungewöhnlich, aber die Erklärung fand sich an der Stirnseite des Raums. Dort prangte ein großes Transparent: „Mit Frauenmacht auf zu einem neuen Leben.“ Die Partei „Demokratische Frauenmacht“ feierte gerade ihren deutlichen Wahlsieg. Die letzte Hochrechnung hatte sie bei 70 Prozent der Stimmen gesehen – und das bei einer Wahlbeteiligung von fast 85 Prozent. Nicht nur, dass die Frauenpartei damit nach Belieben eine Regierung bilden konnte, sie konnte auch die Verfassung ändern – und damit einige ihrer wichtigen Wahlversprechen umsetzen.

„Auf den Sieg!“ antworteten die drei anderen Frauen, die um Meike herum standen kichernd. Ihre Sektgläser trafen klirrend aufeinander. „Wer hätte das gedacht“, lachte Karin, „dass ich einmal mit einer Bundestagsabgeordneten zusammenwohnen würde.“ Sie strahlte Franziska an. Die schaute etwas verlegen zur Seite. „Naja, ich kann da ja nicht wirklich was dafür, ich meine, es war ein guter Listenplatz…“ „Hört, hört, Schwestern, sie schämt sich“, feixte Susanne. „Vor deinem ersten Interview muss das aber ein bisschen professioneller rüberkommen.“ Alle lachten. „Ach komm’, Sanne, ich kann es halt selbst noch nicht glauben, ich meine, dass wir Frauen jetzt…“ Franziska konnte den Satz nicht mehr beenden. Ein lauter Tusch hallte durch den Saal. „Frauen! Schwestern! Freundinnen! Unsere Parteivorsitzende Magdalena Mayrschmidt.“ Donnernder Applaus hallte durch den Saal. Alle drehten sich in Richtung der Bühne, die nun in Dunkelheit getaucht war und auf der nur ein Scheinwerferkegel zu sehen war. Mit erhobenen Fäusten kam eine Frau aus dem Hintergrund gestürzt. Der Applaus schwoll noch einmal an. Die Parteivorsitzende trat an das Rednerpult und machte das Victory-Zeichen in alle Richtungen. Sie wartete geduldig, bis es leiser wurde, dann begann sie zu sprechen.

„Schwestern! Wir haben heute einen historischen Sieg errungen. Wir haben nicht nur die Wahl gewonnen. Nein. Wir haben auch den Auftrag der Wählerinnen bekommen, diese Gesellschaft von grundauf zu verändern. Schluss mit der Misswirtschaft der Männchen!“ Bravo-Rufe und Applaus unterbrachen ihren Redefluss. „Schluss mit Krieg und Patriarchat!“ Der Lärmpegel schwoll weiter an. „Schluss mit Korruption und Arbeitslosigkeit!“ Die Parteivorsitzende hob beschwichtigend die Arme und wartete, bis sich die Begeisterung wieder gelegt hatte. „Wir haben in unserem Wahlprogramm ganz klar gesagt, was wir zu tun gedenken. Und das werden wir nun tun. Wir werden die Männer aus Polizei und Militär entfernen. Wir werden die Schlüsselpositionen der Wirtschaft mit Frauen aus unseren Reihen besetzen, die wissen, dass es um das große Ganze geht und nicht nur um den eigenen Profit. Wir werden die arbeitslosen Frauen wieder in Lohn und Brot bringen. Wir werden dafür sorgen, dass Männer nie wieder in die Lage kommen werden, diesen Staat so zu ruinieren wie heute. Wir wollen ein partnerschaftliches Zusammenleben zwischen den Geschlechtern, aber wir werden das Heft des Handelns nicht wieder aus der Hand geben.“ Applaus brandete erneut auf. „Aber das sind die Themen von Morgen. Frauen! Schwestern! Heute lasst uns feiern!“ Sie hob ein Glas Sekt. „Auf die Frauen! Auf die Macht! Auf die Frauenmacht!“ „Auf die Frauenmacht!“ schallte es ihr vielkehlig entgegen.